Doris Schwickert weblog

Samstag, 25.5.2019

Cinderella

 

 

In einem kleinen Dorf lebte ein Vater mit seinen Söhnen Adrian und Brian. Sie wohnten in einem kleinen bescheidenen Häuschen. Das war nicht immer so, denn vor kurzem war ihr schönes neues Haus abgebrannt und die Versicherung zahlte keinen Cent. Jetzt hatte der Vater große Schulden und musste schwer sparen. Er arbeitete ohne Ende, doch egal, wie er es drehte, es reichte hinten und vorne nicht. Den Kindern gegenüber ließ er sich nichts anmerken, doch die beiden spürten, dass ihr Vater große Sorgen hatte. Wenn sie etwas haben wollten oder sich wünschten, hatte ihr Vater immer eine Ausrede. Und Zeit hatte er überhaupt nicht mehr.

 

Eines Abends sprachen Adrian und Brian darüber, bevor sie in ihrem Zimmer das Licht ausmachten. Beide wussten sich keinen Rat. Der kleine Brian fing an, sich in den Schlaf zu weinen und Adrian saß hilflos an seinem Bett. Da wurde es plötzlich ganz hell im Zimmer. Es funkelte und blitzte im ganzen Raum und eine kleine Fee stand vor ihnen. „Keine Angst, ihr beiden, ich bin die Kinderfee Cinderella, ich habe gesehen, dass ihr so traurig seid. Womit kann ich euch eine Freude machen?“ Adrian und Brian sahen sich fragend an, dann sagte Brian: „Können wir uns etwa etwas wünschen?“ „Ja, nur zu“, rief die kleine Fee. Dann kam es wie aus der Pistole geschossen: „Wir hätten gerne Spielzeug und eine Mami.“ Die kleine Fee sah die beiden ernsthaft an: „Kleine Freuden wie Spielzeug und so sind kein Problem, mit einer Mami ist es nicht so einfach. Ich werde sehen, was ich tun kann. So, und nun die Augen zu und geschlafen. Auf Morgen dürft ihr gespannt sein.“ Dann verschwand sie wieder.

 

Am nächsten Tag standen Adrian und Brian schon sehr früh auf, obwohl sie noch Ferien hatten. Sie liefen vor die Haustür. Tatsächlich! Da stand ein Päckchen und auf dem Aufkleber stand: Für Adrian und Brian. Sie machten es auf und staunten, denn es waren lauter tolle Sachen darin, die bestimmt viel Spaß machen würden. Sie zeigten es ihrem Vater, der etwas kurz angebunden meinte: „Na ja, ist ganz schön.“

 

Es blieb nicht bei dem einen Päckchen. Immer wieder stand etwas vor der Tür oder es kam ein Brief mit einer netten Geschichte. Und oft kam Cinderella abends kurz ans Bett von Brian und Adrian und sah nach ihnen. Die drei wurden in der Zwischenzeit gute Freunde. Nur Vater sagte kaum etwas, ja, eigentlich tat er so, als wenn es Cinderella gar nicht gäbe.

 

Eines Morgens am Frühstückstisch kam es dann: „Ich will nicht mehr, das ihr den Namen Cinderella erwähnt und sie soll auch nichts mehr schicken, sie hat nichts Gutes vor, ja, ich denke, sie will mir das einzige, was ich noch habe, meine Kinder, wegnehmen. Brian und Adrian waren entsetzt. „Das ist doch nicht dein Ernst!“, beide fingen an zu weinen. „Was hat sie dir getan, dass du so wütend bist?“ Doch Vater ließ sich auf keine Diskussionen ein. „Ich habe gesagt Schluss und aus und jetzt will ich nichts mehr hören.“ Brian und Adrian gingen in ihr Zimmer und legten sich ins Bett. Nach einiger Zeit stand Cinderella wieder im Raum. „Was macht ihr für traurige Gesichter?“ fragte sie. Nun erzählten die beiden, was geschehen war. Cinderella beruhigte sie: „Ich kann nichts daran ändern, ich muss das Verbot eures Vaters akzeptieren. Ich werde eine Zeit lang wegbleiben, vielleicht beruhigt er sich ja wieder.“

 

So verging ein Tag nach dem anderen. Jeden Abend standen Brian und Adrian am Fenster und hofften, Cinderella käme wieder. Aber sie kam nicht. Und oft weinten sich beide in den Schlaf oder riefen im Traum ihren Namen.

 

Cinderella hatte sich in ihr Feenreich zurückgezogen. Ihr Lieblingsplatz war ihr wunderschöner großer Blumengarten. Sie war in eine tiefe Traurigkeit versunken. Viele schöne Prinzen warben und bemühten sich um sie, aber Cinderella bemerkte sie nicht. Der eine Prinz hatte ihr sogar im Garten ein Bett aus Rosen gemacht, so sehr war er in die Fee verliebt, doch Cinderella erhörte ihn nicht. Und nachts, wenn die Kinder weinten, verspürte sie jedes Mal einen großen Stich in ihrer Brust. So ging es noch Tage weiter. Eines Morgens sagte sie zu sich selbst: „Nein, so kann es nicht weitergehen, ich muss mir was einfallen lassen, um den Kindern zu helfen.“ Sie fasste all ihren Mut zusammen und erschien wieder in Brians und Adrians Zimmer. Die beiden waren überrascht. „Ich habe lange überlegt“, sagte Cinderella, „ich werde kontrollieren, ob es im Feenreich noch eine zweite Cinderella gibt. Ich werde meine Charakterdaten im PC eingeben, vielleicht finden wir eine Ähnliche. Brian und Adrian sagten: „Wenn du meinst, versuchen können wir es ja mal.“ Dann verschwand Cinderella wieder: „Macht es gut, ihr hört wieder von mir.“

 

Im Feenreich angekommen, machte sich Cinderella gleich an die Arbeit. Dann fand sie tatsächlich eine zweite Cinderella mit ähnlichen Charaktereigenschaften. Sofort organisierte sie alles, dass diese Cinderella mit allem vertraut gemacht wurde. Jetzt war Cinderella beruhigt, wenigstens konnte sie doch noch etwas erreichen. Lisa, so hieß die zweite Cinderella, erschien abends Brian und Adrian in ihrem Zimmer. Ihre Worte waren honigsüß und die Kinder verstanden gar nicht so richtig, was sie eigentlich sagte. Dann ging sie zu dessen Vater. Sie machte ihm schöne Augen und verführte ich, eine Flasche Wein aufzumachen. Vater war ganz angetan von dieser schönen Frau. Alsbald erlaubte er ihr, mit in ihrem Haus zu wohnen. Brian und Adrian ahnten nichts Gutes. Schon bald mussten sie noch mehr mitarbeiten, denn Lisa hatte immer faule Ausreden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder ihr war schlecht. Wenn sie vor Müdigkeit nicht mehr konnten, strich sie ihnen auch noch das Essen. Vater bemerkte nicht, dass seine Kinder immer blasser und dünner wurden. Lisa hatte ihn so umwickelt, dass er die Welt nur noch mit der rosaroten Brille sah. Wenn Brian und Adrian versuchten, ihrem Vater zu sagen, wie Lisa wirklich war, schrie er sie nur an und glaubte kein Wort.

 

Eines Tages hielte es Brian und Adrian nicht mehr aus. Es war ein dicker kalter Winter. Brian nahm sein Kindergartentäschchen und packte einen Apfel und eine Möhre ein. Adrian nahm seinen Rucksack und steckte ein paar warme Anziehsachen hinein. Es war spät am Abend und Vater war auf dem Sofa eingeschlafen. Seine Geldbörse lag auf dem Tisch. Aber sie brachten es nicht übers Herz, ihrem Vater noch das bisschen Geld, das er hatte, wegzunehmen. Sie würden schon irgendwie durchkommen. Dann schlichen sie sich aus dem Haus in die kalte dunkle Nacht. „Wo wollen wir eigentlich hin?“ fragte Brian. „Ich weiß es nicht“, sagte Adrian, „nur fort von zu Hause, ob wir nun zu Hause verhungern oder hier draußen, ist doch schließlich egal.“ So gingen sie lange immer gerade aus. Jetzt fing es auch noch an zu schneien. Der kleine Brian fing an zu weinen, ihm war kalt und seine Stiefel waren ihm längst zu klein und ein Loch war auch drin. „Komm“, sagte Adrian, „wir legen uns hier unter den Baum, da sind wir etwas geschützt.“ So legten sie sich frierend und hungernd hin und schliefen ein.

 

Als wie wach wurden, machten sie große Augen. „Wo sind wir, hier ist es ja schön warm wie im Sommer?“ Dann sahen sie sich um. Sie lagen in dem Rosenbett von Cinderella in ihrem großen schönen Garten. Zwei Feen standen bei ihnen und lächelten sie an. „Wie sind wir hier hingekommen?“ fragten sie. „Das können wir euch sagen“, antwortete die eine. Cinderella hatte plötzlich ganz heftige Herzschmerzen. Mit letzter Kraft rief sie: „Fliegt schnell dort in den Wald! Adrian und Brian sind in Not, macht schnell, bevor sie erfrieren.“ Dann versank sie in einen tiefen Schlaf. Und seitdem ist sie nicht mehr aufgewacht. Brian und Adrian waren entsetzt: „Dann hat sie uns gerettet und jetzt braucht sie selber Hilfe, was können wir machen?“ Die Fee sprach: „Es gibt nur eine Möglichkeit ihr zu helfen. ES muss eine erwachsene Person, die sie liebt, die Hand halten und ihr die Wärme zurückgeben. Nur müsst ihr wissen, in dem Moment ist der Feenzauber von ihr genommen, sie kann also niemals mehr Wünsche erfüllen. Sie ist dann eine ganz normale Frau.“ Brian und Adrian überlegten: „Wer könnte da machen? Vater!“ „Aber er hasst Cinderella doch“, rief Brian. „Wenn wir ihm erzählen, das Cinderella uns gerettet hat, hasst er sie ja vielleicht nicht mehr, wir müssen es versuchen.“  Die Feen brachten die beiden nach Hause. Vater saß am Tisch, kreidebleich vor Sorgen und starrte stumm vor sich hin. Lisa hatte er längst rausgeschmissen. Adrian und Brian konnten ihn gerade noch rechtzeitig davor bewahren, seine Sorgen im Schnaps zu ertränken. Die Freude war groß und dann erzählten sie, was Cinderella passiert war. Vater erklärte sich bereit, zu helfen. So gingen sie zurück ins Feenreich. Da lag Cinderella, hilflos, und zu nichts mehr nütze. Ihr Gesicht war schneeweiß und die Tränen auf ihren Wangen waren zu glitzernden Eisperlen erstarrt. Bei diesem Anblick überkam den Vater eine große Welle von Mitleid. Jetzt wurde ihm klar, das  Cinderella niemals seine Kinder wegnehmen wollte, im Gegenteil, sie hatte die beiden in ihr Herz geschlossen. Dann gab er sich einen großen Ruck und nahm ihre Hände und legte sie in seine. Es war totenstill.

Cinderella bekam langsam wieder Farbe und die Eisperlen liefen als Tränen über ihre Wangen. Sie sah Vater an und fragte:  „Wo bin ich, was ist geschehen?“ Vater hielt ihre in der Zwischenzeit warmgewordenen Hände ganz fest und sagte: „Du bist zu Hause, willkommen daheim.“ „Was ist da, zu Hause?“ fragte Cinderella mit großen Augen. „Das ist ein Ort, an dem Menschen auf dich warten, die dich lieben. Und, kannst du zählen? Es sind genau drei Stück.“

 

„Das klingt wie Musik“, antwortete Cinderella. „Es ist zwar nicht ganz so wie Musik und ich kann dir auch kein Schloss bieten“, sagte Vater, „aber wenn du uns gleich Vanillepudding machst, kannst du bleiben.“  Im Feenreich fand anschließend ein kleines Abschiedsfest statt. Am nächsten Tag nahmen Vater, Brian und Adrian die kleine Cinderella mit nach Hause. Kurze Zeit später duftete es dort nach leckerem Vanillepudding und die Menschen auf der Straße hörten ihr Lachen durch die Fensterscheiben.

 

 

 

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