Doris Schwickert weblog

Dienstag, 19.3.2019

Das Tal der Seifenblasen

 

 

 

Prinz Edmund stand mit seinem weißen Pferd Samuel auf einem Hügel und blickte auf sein schönes großes Schloss, das mit Parkanlagen und Waldflächen umgeben war. „Siehst du, Samuel“, sprach der Prinz, „dahabe ich nun ein großes Schloss und trotzdem ein langweiliges Leben.“ Keiner wusste, dass das Pferd Samuel sprechen konnte, es war Prinz Edmunds großes Geheimnis. „Ich kann es sehr gut nachfühlen“, antwortete Samuel, jeden Tag das gleiche Spiel.“ Ja, so war es auch. Prinz Edmund war nun im heiratsfähigen Alter und seine Eltern bemühten sich um eine Prinzessin, damit bald die Hochzeit stattfinden würde. „Weißt du Samuel, fuhr der Prinz fort, die Prinzessinnen sind ja schön, zugegeben, aber etwas fehlt ihnen, ich kann es nur nicht in Worte fassen, was ich meine.“ Samuel nickte verständnisvoll. „Lass uns zurückgehen, sagte Prinz Edmund, ich muss heute Nacht über das alles einmal nachdenken.“ Dann gingen sie zurück ins Schloss.

 

Am nächsten Morgen ging Prinz Edmund in den Stall zu Samuel und sprach: „Ich habe einen Entschluss gefasst. Wir werden von hier weggehen. Ich will hinaus in die Welt  um zu sehen, was es wirklich heißt, zu leben. Ich will kämpfen und siegen, helfen und lieben, ich will einfach alles.“ Samuel sah Prinz Edmund von der Seite an und sprach: Du willst viel, mein Freund, überlege es dir gut, bevor du aus dem gemachten Nest schlüpfst.“

 

„Da gibt es nichts mehr zu überlegen“, sagte Prinz Edmund, „ich habe genug Gold und Edelsteine eingepackt, damit werden wir überleben. In meinem Blut spüre ich eine Kraft und ich muss herausfinden, was es damit auf sich hat. Also, lass uns keine Zeit verlieren und komm“. So gingen Prinz Edmund und Samuel fort. Prinz Edmund hatte ganz normale Straßenkleidung angezogen, damit niemand auf die Idee käme, dass er ein Prinz sei.

 

Tagelang ritten sie durch riesige Wälder, kamen an vielen Menschen vorbei, aber es war nichts Aufregendes oder außergewöhnliches dabei. Gerade gähnte Prinz Edmund laut, als man in der Luft  ein seltsames Rauschen vernehmen konnte. „Hörst du das auch?“, fragte er Samuel. Samuel nickte. Sie gingen ein paar Schritte weiter. Da trauten sie ihren Augen nicht. Vor ihnen lag ein Tal mit wunderschönen Blumenwiesen und blühenden Bäumen. Es glitzerte und funkelte überall. Prinz Edmund und Samuel wurden regelrecht geblendet. Dieses Glitzern und funkeln kam immer näher auf die beiden zu. Jetzt erst sahen sie, dass es tausend Seifenblasen waren, die in der Luft herumwirbelten. Aber was war das? In den Seifenblasen befanden sich Menschen, die lächelten und winkten. Plötzlich kam eine Seifenblase ganz nahe an die beiden heran. Prinz Edmund sah erstaunt auf. Eine wunderschöne Frau winkte ihm zu und rief: „Willkommen im Tal der Seifenblasen, ich heiße Cynthia.“ Prinz Edmund staunte. So eine schöne Frau hatte er noch nie gesehen. Ihr liebliches Lächeln und ihre großen strahlenden Augen ließen Prinz Edmund ganz warm ums Herz werden. Es war Liebe auf den ersten Blick. Doch dann wurde er ganz traurig und rief: „Warum seid ihr alle in diesen Seifenblasen, man kann euch nicht erreichen.“ „Das ist eine lange Geschichte“, sagte Cynthia. „Vor vielen Jahren hauste hier ein König. Er war so schlimm, sein Volk musste schrecklich leiden. Bis eines Tages eine Fee kam und dem ganzen ein Ende bereitete. Sie verzauberte alles in Seifenblasen. Seit dem haben die Menschen ein ruhiges Leben. Wir brauchen nicht zu essen und zu trinken. Wir ernähren uns von den positiven Gedanken der anderen. Und Sorgen haben wir auch keine.“ „Und was ist, wenn jemand etwas Böses denkt? Wollte Prinz Edmund wissen. „Dann bekommen wir Kopfschmerzen. Und wenn man nur einer Person was Böses wünscht, bekommt sie besonders schlimme Kopfschmerzen.“ „Das ist ja verrückt“, sagte Prinz Edmund, „also kann ich dich niemals anfassen, mit dir tanzen und für immer?“ Cynthia nickte. „Damit musst du dich einfach abfinden.“ Dann flogen die Seifenblasen davon. Da stand Prinz Edmund und war ratlos. „Ach Samuel, jetzt habe ich endlich die Frau gefunden, die ich liebe, die ich gerne auf Händen tragen würde, aber sie ist gefangen in einer Seifenblase.“ „Nicht verzweifeln, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Vielleicht geschieht ja ein Wunder.“ Prinz Edmund schaute zum Himmel. Da kam von weitem eine einzige Seifenblase durch die Luft.  „Es ist bestimmt Cynthia“, rief er. Als die Seifenblase nahe genug herangekommen war, sah er, das es nicht Cynthia war. Es war ebenfalls eine schöne Frau, die rief: „Hallo, ich bin Patrizia, du bist ein schöner Mann. Bitte schenke mir deine Gefühle oder gefalle ich dir nicht?“ „Oh doch“, rief Prinz Edmund. „Aber du kommst zu spät, ich habe mich schrecklich in Cynthia verliebt. Sie ist die Frau, die ich gerne glücklich machen möchte.“  Patrizias Gesicht wurde wie versteinert, als sie antwortete: „Dann eben nicht. Aber du trägst die Verantwortung für das, was passieren wird.“ Sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Prinz Edmund schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Verstehst du das?“, fragte er Samuel. Aber Samuel antwortete nicht. Prinz Edmund schaute hinter sich. Er riss die Augen auf vor lauter Schreck. Samuel stand in einer Seifenblase, die anfing, sich zu drehen. Prinz Edmund wollte danach greifen, aber es ging nicht. Die Seifenblase hob ab in die Lüfte mit Samuel. Da war sein treuer Freund vor seinen Augen verschwunden. Noch einmal zogen die schönen Tage, die er mit Samuel verbrachte, an ihm vorbei. So langsam begriff er, was Patrizia gemeint hatte. Prinz Edmund standen die Tränen in den Augen, aber er schämte sich seiner nicht. Doch dann riss er sich zusammen. Was ist, wenn Patrizia nun böse Gedanken hat? Daran durfte er überhaupt nicht denken. Prinz Edmund schlug die Hände über dem Kopf zusammen, dann rief er, so laut er konnte: „Mein Gott, ist denn niemand da, der mir helfen kann, irgend jemand muss mir doch helfen können!“ Aber er bekam keine Antwort. Verzweifelt setzte er sich auf ein Stück Holz und begann zu weinen. Er schluchzte so laut, da es bis ins Tal hallte. Der Gedanke, das Samuel und Cynthia schreckliche Kopfschmerzen bekommen würden, brachte ihn fast um.

 

Nach einigen Stunden hörte er eine Stimme: „Warum weinst du? Kann ich dir hlefen?“ Prinz Edmund schaute sich um. Es war ein weißes Pferd, aber es war nicht Samuel. „Du kannst sprechen?“ fragte Prinz Edmund. „Ich dachte immer, dass es nur ein einziges Pferd gibt, das es kann, und das ist Samuel.“ „Ich heiße Ricarda“, sagte das Pferd, „erzähl mir, was passiert ist.“ So erzählte Prinz Edmund seine unglaubliche Geschichte. Ricarda wurde sehr nachdenklich. Dann sprach sie : „Es gibt eine Möglichkei, wie du die beiden befreienkannst. Siehst du den großen Heuhaufen? In diesem Heuhaufen liegt eine einzige Nadel, wenn du sie findest, kannst du die Seifenblasen von Cynthia und Samuel zerstechen. Allerdings hat sie bis heute noch niemand gefunden.“ Prinz Edmund verzweifelte: „Das schaffe ich auch nicht, die Chance ist doch gleich null.“  „Wenn du Cynthia wirklich liebst und wenn du deinen treuen Fraund Samuel zurückhaben willst, wirst du sie finden! Die Liebe ist viel stärker, als du denkst. Prinz Edmund sagte: „Du hast Recht, während ich mich selbst bedauere, hätte ich schon lange suchen können, also los.“ So fing er an zu suchen, dabei hatte er ständig Cynthias schönes Gesicht vor Augen. Jetzt spürte er die Kraft in sich selbst, sein Wille, die Nadel zu finden, wurde unendlich stark. „au!“ schrie er. „Was ist das?“ Er zog die Hand aus dem Heu. Da war sie, die Nadel, sie steckte in seinem Finger! Er schrie auf vor Freude. Aber gleich verdunkelte sich sein Gesicht auch schon wieder. Wie sollte er jetzt an die Seifenblasen von Samuel und Cynthia herankommen? Das Pferd Ricarda sprach: „Du musst dir ganz fest wünschen, das sie beide zu dir kommen.“ Prinz Edmund schloss die Augen und wünschte beide herbei. Es dauerte nicht lange, da waren am Himmel zwei Seifenblasen zu sehen. Prinz Edmund konnte es kaum abwarten. Als sie ganz nahe vor seinen Augen waren, kam einkräftiger Wind auf, Prinz Edmund streckte seine Hand nach ihnen, aber er konnte sie nicht erwischen. Immer wieder sah er die schmerzverzerrten Gesichter von Samuel und Cynthia. Prinz Edmund verzweifelte fast. Endlich hatte sich der Wind gelegt. Da, jetzt klappte es! Erst stach er in Cynthias Seifenblase, dann in Samuels. Es war so totenstill, als wäre die Welt soeben stehen geblieben. Prinz Edmund schloss für Sekunden die Augen. Es erklang Musik, feierlich und gleichzeitig zart. Er traute seinen Augen nicht. Vor ihm lag ein prächtiger Palast, der in der Sonne wie Gold glänzte. Zu seinen Füén lag ein ganzes Volk und verneigte sich. Aus den Reihen trat Cynthia hervor und ging auf ihn zu. Sie hatte eine goldene Krone auf dem Kopf und ein wunderschönes weißes Kleid an. Auch sie verneigte sich vor Prinz Edmund und sprach: „ Ich lege dir mein Königreich zu Füßen. Du hast mich und mein Volk von dem bösen Zauber befreit. Du sollst unser neuer König sein!“ Prinz Edmund nahm Cynthias Hand und antwortete: „Ja, ich will gerne dein Volk regieren, mit einer so schönen Frau an meiner Seite dürfte das nicht schwierig sein.“

 

Doch wo war eigentlich Samuel? Prinz Edmund schaute sich um. Samuel stand unter einem Baum im Schatten, aber er war nicht allein. Ricarda stand neben ihm und sie schauten sich zärtlich in die Augen. Ab da gab es kein Tal der Seifenblasen mehr, sondern das Königreich von Cynthia und Edmund. Und Samuel….? Er wurde stolzer Vater von einem niedlichen und gesunden Fohlen!

 

 

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