Doris Schwickert weblog

Freitag, 1.7.2022

Flammen am Oderbergsee

 

Endlich Sommerferien!  Jens und Olli stürmten aus der Schule. Vor dem Gebäude blieben sie stehen. „Lass uns noch auf Dennis und Marc warten“, sagte Jens, „die müssten jeden Moment aus der 2B kommen. Dann können wir ausmachen, was wir heute unternehmen.“ Es dauerte nicht lange, da kamen auch Dennis und Marc ange-rannt. „Hey Leute, was geht ab?“ rief Marc schon von weitem. „Ich finde“, grinste Olli, „wir müssten heute mächtig abfeiern, dass wir die verkorksten Pauker jetzt mal eine Zeit lang nicht mehr zu Gesicht bekommen. Deshalb schlage ich vor, wir fahren heute Mittag an den Oderbergsee und zelten da über Nacht.“ „Super geil“, war die Antwort, „ dann kühlen wir uns erst mal anständig ab und danach werfen wir ein paar Steaks auf den Grill. Dazu gut gekühltes Bier und die Party kann abgehen.“   „Alles klar“, sagte Olli, „wir teilen die Sache so auf: Dennis und Marc organisieren die Getränke, ich kümmere mich ums Essen und Jens kann noch ein paar Tussis abtelefonieren,  damit es nicht so langweilig wird“.  In diesem Sinne verabschiedeten sie sich per Handschlag und machten sich auf den Heimweg.

An diesem Tag war es brütend heiß und auch die letzten Tage waren nicht viel kühler gewesen. Olli kam nach Hause und rannte direkt in sein Zimmer. Während er hektisch am packen war, schaute sein Vater neugierig in die Tür. „Wo willst du hin?“ fragte er, „man könnte meinen, du willst 4 Wochen weg bleiben, so dick sind deine Taschen.“  Olli informierte ihn, was er und seine Freunde vorhatten. „Passt ja auf, dass ihr nicht zu weit im See hinausschwimmt“, sagte er. Dann sah er, wie Olli abgepacktes Fleisch in die Tasche packte. „Was willst du denn damit?“ fragte er, „ihr wollt doch nicht etwa grillen, das ist bei den Temperaturen streng verboten wegen der Waldbrandgefahr! Ist das bei dir angekommen, mein Sohn?“  „Ja, ja,“ stammelte Olli, das nehme ich für Jens Mutter mit, keine Sorge.“  Sein Vater gab sich mit der Antwort zufrieden, wünschte ihm viel Spaß und verschwand.  Olli atmete auf, packte seine Sachen auf sein Fahrrad und fuhr zum Oderbergersee.

Jens, Marc und Dennis waren inzwischen auch eingetroffen. Jeder hatte sein Fahrrad vollgepackt. Olli schaute sich um. „Meine Fresse, wo kommen bloß die ganzen Leute her, ich sehe nur noch Fleischklöpse auf der Wiese, da müssen wir unsere Zelte hinten beim Waldrand aufbauen, da stört uns wenigstens niemand.“ Die anderen waren ebenfalls dieser Meinung und so suchten sie sich einen Platz etwas abseits von den Badegästen. Als sie die beiden Zelte aufgebaut hatten, machte Olli die Kühltasche auf, holte vier Bier heraus und verteilte sie: „So Männer, runter mit der Brühe, die Party ist eröffnet.“  Marc hatte bedenken: „Ist das nicht noch zu heiß für Alkohol? Ich habe mal gelesen, dass es ganz schön gefährlich für den Kreislauf werden kann.“  Olli lachte: „Alter, du kannst doch gar nicht lesen, Mund auf und runter mit dem Stoff, das heizt die Stimmung an.“  Marc wollte nicht kneifen und trank mit. „Was hast du denn jetzt zum Essen mitgebracht?“ fragte Jens.  Olli machte die Kühltasche auf: „Schau, Alter, lauter fette Steaks, die lassen wir gleich auf dem Grill schön braun schmoren.“  „Auf welchem Grill denn?“ fragte Dennis ganz erschrocken. „Hier darf doch nicht gegrillt werden wegen der Waldbrandgefahr, schon vergessen?“

„Mach dich locker“, grinste Olli, „ich habe einen Einweggrill eingepackt, damit werden wir die Dinger rösten.“  „Bist du bescheuert?“ rief Jens, „wenn wir erwischt werden, gibt’s eine Anzeige und eine Geldstrafe!“  „Das ist mir schon klar“, sagte Olli genervt, „wir warten natürlich, bis die Badegäste weg sind. Irgendwann müssen sie ja mal nach Hause gehen. Und dann sind nur noch wir vier übrig, also keine Zeugen mehr.“  Alle waren beruhigt. Ihren Durst löschten sie mit dem Bier, das Olli organisiert hatte. Die Folgen wurden gegen Abend dann sichtbar.  Dennis wollte aufstehen, kam ins Schwanken und fiel der Länge nach in das Zelt. Marc lag auf der Decke, feuerrot im Gesicht und schnarchte, was das Zeug hielt.  Jens lag hinter dem Zelt und versuchte mit dem Handy eine Verbindung zu bekommen. Der einzige, der noch den Überblick hatte, war Olli. „Leute!“ rief er, „die Badegäste sind alle weg, reißt euch zusammen, jetzt wird der Grill angemacht. Wir müssen uns jetzt erst mal stärken, damit wir nachher für die Weiber fit sind.“ Inzwischen hörte man von Ferne Donnergerummel. Ein kräftiger Wind kam auf fegte durch die Bäume. Olli packte  den Einweggrill aus und stellte ihn auf die Wiese. Jens, Marc und Dennis rafften sich auf und hockten sich um den Grill. „“Und wie willst du das Ding zum Glühen bringen?“ fragte Jens, bei dem Wind kriegst du den niemals an.“  „Das haben wir gleich“, lachte Olli. Aus einer anderen Tasche holte er eine Flasche. „Mann, das ist ja Spiritus!“ rief Marc entsetzt, „willst du uns alle abfackeln?“  „Keine Panik“, entgegnete Olli, „mit Spiritus geht es einfach am schnellsten.  Was meinst du wohl, wie geil die Flammen gleich in die Höhe schießen, warte ab, das ist wie ein Blick in die Hölle“ und dabei lachte er schrill, denn auch bei ihm wirkte jetzt das Bier.

Dennis gab sich einen Ruck und wollte Olli die Flasche aus der Hand reißen.  Er bekam diese auch zu fassen, doch bemerkte er nicht, das Olli sie schon geöffnet hatte. Dennis kam ins Schwanken, die Flasche in seiner Hand schwappte über und ein großer Teil Spiritus floss in die Glut. Im gleichen Moment schoss eine Meterhohe Stichflamme aus dem Einwegrill , erfasste Dennis halblange Haare und fing an zu brennen. Dennis schrie fürchterlich, die anderen drei waren sekundenlang starr vor Schreck, ehe sie die Situation begriffen. Verzweifelt versuchten sie, die Flammen zu ersticken, aber es gelang ihnen nicht. „Wir müssen ihn zum See ziehen, schnell, das Wasser ist die letzte Rettung. Hals über Kopf sprangen sie auf, dabei kam Jens mit dem Fuß gegen den Grill. In ihrer Panik bemerkten sie nicht, dass der Grill umgekippt war. Schnell hatten sie Dennis zum See gezogen und ins Wasser geworfen. Es zischte fürchterlich, doch dann waren die Flammen erloschen.  Sie zogen ihn wieder aus dem Wasser, doch Dennis war inzwischen ohnmächtig von dem Schmerz geworden. „Wir müssen einen Notarzt rufen“, rief Olli, „wo ist das Handy?“ Sie schauten rüber zu den Zelten und trauten ihren Augen nicht. Die Zelte standen in Flammen, die Wiese brannte und das Feuer hatte auch schon einen Teil der nahestehenden Bäume erfasst. „Scheisse!“ rief Marc, „wir sind im Arsch“! „Bleibt ruhig, Leute“, rief Olli, „wir müssen jetzt schnell handeln. Die Handys können wir aus den Zelten nicht mehr holen, einer muss rüber zum Bootsverleihsteg laufen, vielleicht ist da noch jemand. Die nächsten Häuser sind zu weit weg“. „Ich laufe“, rief Jens,“wir brauchen einen Notarzt und die Feuerwehr“. Während Marc und Olli schockiert am Ufer standen, rannte Jens los, was das Zeug hielt.  Immer wieder versuchten sie, Dennis wach zu kriegen, doch alle Mühe war vergebens.

Jens hatte Glück, es war tatsächlich noch jemand am Bootssteg. Und derjenige hatte sogar noch ein Funkgerät dabei. Schnell waren Notarzt und Feuerwehr verständigt. Dann rannte er mit Jens zurück zum Seeufer. Dennis war immer noch ohne Bewusstsein. Jens, Olli und Marc liefen fast rund vor lauter Panik. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie die Flammen sich gefräßig am Waldrand entlang schlängelten und immer tiefer ins Innere vordrangen. Endlich war der Notarzt eingetroffen. Dennis wurde sofort ärztlich versorgt und abtransportiert. Jens, Olli und Marc nahmen sie gleich mit ins Krankenhaus. Die Feuerwehren waren ebenfalls schnell vor Ort..  Durch die anhaltende Hitze der vergangenen Tage hatte sich das Feuer in windeseile so schnell verbreitet, das inzwischen der ganze Waldrand brannte. Es dauerte Stunden, bis der Brand endlich gelöscht war.

Am nächsten Tag gab es eine große Schlagzeile auf der ersten Seite der Zeitung: Vier Jugendliche missachteten Grillverbot und lösten großen Waldbrand aus!

Dennis war gottseidank wieder bei Bewusstsein, allerdings konnte er sich an nichts mehr erinnern. Er musste mit dem vorübergehenden Gedächtnisverlust und einigen Brandverletzungen kämpfen , ganz zu schweigen von den damit verbundenen Schmerzen. Die anderen drei erwartete zu Hause eine schwere Standpauke und ein paar Konsequenzen wie Taschengeldentzug und Ausgehverbot.  Aber das war noch nicht alles. Alsbald flatterte eine Anzeige wegen schwerer Sachbeschädigung mit einer Vorladung vom Gericht ein.  Marc, Olli, Jens und Dennis fieberten nervös dem Termin entgegen.

Dann war der Tag gekommen, wo die vier sich vor Gericht verantworten mussten. Ollis Vater begleitete die Jungs vertretungsweise für die anderen Eltern.  Da die Tat ziemlich eindeutig war, ging alles sehr schnell. Ollis Vater versuchte noch, einen Teil der Schuld auf die Lehrer abzuwälzen, um das Strafmaß zu mildern. Nach kurzer Zeit verkündete der Richter das Urteil: jeder wurde zu einer Geldstrafe verdonnert und zusätzlich 50 Stunden gemeinnütziger Arbeiten . Er begründete das Urteil so: die Lehrer hätten im Naturkundeunterricht ausreichend auf die vielen Gefahren in der Natur hingewiesen.  Von 13 und 14 jährigen Schülern müsste man annehmen, dass diese lesen  und somit die Warnschilder ohne große Schwierigkeiten deuten und auswerten könnten. Beim Reinigen von Parkanlagen und Straßen könnten sie dann darüber nachdenken, wofür Warnschilder aufgestellt werden und welche fatale Folgen es haben kann, wenn man sie missachtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

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